Es war einer dieser goldenen Tage, an denen das Meer spiegelglatt, der Himmel überirdisch Blau und die Wünsche an das Leben riesengroß sind. Ich stand mit dem Sonnenaufgang auf und wusste sofort, dass er auch heute am Strand sein würde. Tag für Tag hatte ich ihn beobachtet, wieder und wieder fasziniert von dem stillen Bild. Immer stand er regungslos im Sand. Ein Bild der Ruhe und Gelassenheit. Sein Blick war unbeirrt auf den Horizont gerichtet und wenn er einen Moment in meine Richtung sah, konnte ich ein sanftes Lächeln erkennen. Worauf wartete er und wem galt das Lächeln? Was suchte dieser Fremde hier auf meiner Insel?

Niemals hatte sich ein Mensch an diesen Strand verirrt und als ich seine schmale Silhouette das erste Mal sah, fühlte ich mich gestört. Aus einem unbestimmten Gefühl heraus wartete ich ab und unternahm nichts. Woher kam er und wohin ging er? Hatte er mich gesehen oder war er so in seine Welt versunken, dass er nichts um sich herum wahrnahm? Ein einziges Mal hatte er plötzlich ein paar Schritte in meine Richtung gemacht, hielt aber wieder inne, drehte um und ging genau an die Stelle zurück, an der er immer stand.
War er fort, stellte ich mich in seine Fußtritte, die sich im Sand abgedrückt hatten, und schaute aufs Meer. Was sah er, was ich nicht sah? Meine Augen tasteten den Horizont ab und schweiften über das Wasser. Ich entdeckte nichts, was mir nicht schon seit Monaten zutiefst vertraut war.
Manchmal setzte ich mich neben die Spuren im Sand und legte meine Hand hinein. Das gab mir ein Gefühl von Nähe zu dem Mann, den ich nicht kannte und niemals gesprochen hatte und der mir doch merkwürdig vertraut war.
Ich hatte seit Monaten keinen Menschen gesehen, um hier zwischen Sonne und Meer herauszufinden, was nicht nur wichtig schien, sondern wichtig war. Ich sprach mit keiner Menschenseele seit ich hier war, ich war völlig allein auf der Insel. Manchmal redete ich mit den Sternen oder der Sonne, aber meist nur kurz, weil ich Angst davor hatte, dass ich eines Tages auch Antworten hören würde.
Wenn nicht die Fußspuren von seiner Wirklichkeit zeugen würden, hätte ich eher an eine Fata Morgana geglaubt, als an einen anderen Menschen, der hier am Ende der Welt meine Wege kreuzte. Ich setzte mich in den Schatten und wartete. Er kam meist gegen Mittag, wenn die Sonne unbarmherzig brannte.
Ich überlegte lange, ob ich ihn ansprechen sollte, bevor er eines Tages eben so plötzlich verschwunden sein würde, wie er aufgetaucht war. Was sollte ich sagen? Floskeln passten nicht an diesen Ort.
Während ich wartete, sah ich plötzlich eine Veränderung im ewig gleichen Bild. Die Wellen hatten einen Gegenstand ans Ufer gespült. Ich stand auf und ging zum Wasser, neugierig auf das, was da lag. Es war eine Plastikversandrolle, durchsichtig, fremd, aus einer anderen Welt. Als ich sah, dass ein Schriftstück hineingerollt war, spürte ich, dass meine Hände zitterten. Ich ging zurück in den Schatten und hielt die Rolle in der Hand. Eine klare Stimme in mir sagte, dass nichts mehr so sein würde wie es war, wenn sie ihr Geheimnis preisgegeben hatte.
Aus: ECW, Der Strandläufer, © Eva-Christiane Wetterer 2001

2 Kommentare:
Liebe ECW,
in der Schönheit des Wortes kommen auf sanften Schwingen Bilder zu mir, die mir in ihrer Zartheit so berührend vermitteln, was sich nur schwer in Worte fügen lässt.
Ich danke Dir für die Inspiration, für das Schöne, was durch Deine Bilder in meinen Tag kommt.
Hans-Werner
*huhu*
Ich freue mich sehr über Dein Echo!
Herzliche Grüße gen Süden:
Eva-Christiane
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